Foto: VerlagJuli 1944. Der ehemalige Abwehroffizier und Ritterkreuzträger Oberstleutnant Martin Bora kommt von einem Fronteinsatz in Italien nach Berlin, um an einer Beisetzung in der Familie teilzunehmen. Um den Tod seines Onkels, eines angesehenen Arztes, gibt es viele Widersprüche, die schon einen eigenen Roman wert wären. Aber der italienischen Autorin Ben Pastor (*1950), geht es in „Stürzende Feuer“ um etwas anderes. Das Datum verrät, dass sich Bora in einer Zeit unmittelbar vor dem Attentatsversuch des Kreises um Stauffenberg auf Hitler bewegt. In diesem Umfeld wurde ein Mann ermordet, der nach einem schillernden Leben als Wahrsager und „Prophet von Weimar“ immer noch ein großes Publikum hat, das bis die höchsten Kreise erreicht. Bora wird vom Chef der Kriminalpolizei Arthur Nebe beauftragt, den Fall zu untersuchen. Die Parallele zu dem Trickkünstler und Hellseher Hanussen stellt sich sofort her. Der wurde 1933 nach der leichtfertigen Prophezeiung des Reichstagsbrandes ermordet. Geht es wieder um Prophezeiungen? Oder spielen amouröse und finanzielle Machenschaften des Opfers eine Rolle? Bora ermittelt und bewegt sich schnell auch in den Kreisen um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Oberst Beck. Die Autorin zeichnet die Protagonisten differenziert, lässt selbst hartgesottene Nazis über ihre Gefühle und Gedanken reflektieren und wirft interessante Themen auf:
Ist so ein Attentat gerechtfertigt? Wie ist das mit der Treuepflicht?
Versuchten die eigentlichen Täter, in letzter Minute ihre Köpfe aus der Schlinge zu ziehen, indem sie kurz vor Schluss der Illusion nachhingen, sie können mit einer Bombe ihr Schicksal und das Schicksal Deutschlands ändern. War nicht letztendlich dieses Attentat dilettantisch und sinnlos?
Wie kann ein Mensch einerseits grausame Befehle ausführen, andererseits aber persönlich integer und moralisch aufrichtig sein? Eine Frage, die sich nicht nur unter den Bedingungen des Naziregimes stellt. Martin Bora ist ein cleverer, kluger Mann, aber auch ein Zyniker, der trotz aller Skrupel die grausamen Befehle seiner Vorgesetzten ausgeführt hat, und manchmal anderen Menschen helfen will und kann.
Eine spannende, lebensnahe, differenzierte Darstellung von Menschen im Berliner Sommer vor 80 Jahren. Ein Roman, kein Geschichtsbuch! rv