Warum flieht jemand vor der Polizei? Um der Todesstrafe oder einer lebenslangen Haftstrafe zu entgehen? Das ist nachvollziehbar. Aber wenn es nur um fünf Jahre geht, lohnt sich dafür die ständige Angst vor der Entdeckung? Und sie werden fast alle entdeckt, unter anderem von Tommy. In dem Buch „Einer kriegt sie alle“ erzählt ein österreichischer Kriminalist, mehr als 20 Jahre Zielfahnder des Österreichischen Bundeskriminalamtes, von seinen Einsätzen in der ganzen Welt, von seinen Arbeitsmethoden, von der Gedankenwelt der Verbrecher und der ihrer Verfolger. Tommy identifiziert sich nicht mit seinen Zielpersonen, er denkt nicht wie sie, aber er kennt sie genau, ihre Vorlieben und Abneigungen, selbst wenn es darum geht, welchen Frauentyp sie bevorzugen. „Die Geliebte ist immer der Joker“, weiß Tommy, der nicht nur die kriminalistischen Methoden beherrscht, sondern auch das Leben kennt.
Im Ausland hat ein Zielfahnder nicht mehr Rechte als jeder Tourist, er muss mit der nationalen Polizeibehörde zusammenarbeiten, was mitunter auch einiges Geschick und Taktgefühl verlangt. Die Leser erfahren anhand der einzelnen Fälle vieles über Champagnerfraktionen, verräterische Pausen bei Telefonaten, Methoden, die Identität zu verschleiern, eine fleischgewordene Lügendetektorin und darüber, wie verräterisch alltägliche Gewohnheiten und Lieblingswörter sind. Der Zielfahnder wirkt sehr unterschiedlich auf seine Beute, mal ist er der gute, mal der böse, mal der saubere und auch mal der schöne Bulle- so sind auch einige Kapitel des Buches überschrieben. Andere berichten von der Arbeitsteilung mit seiner Frau Claudia im Mordkommissariat.
Die Suche nach Verbrechern führt in Slums und Grandhotels, verrufene Viertel und in Klöster. Tommy und seine Kollegen sind unter anderem in Österreich, Italien, Brasilien und Frankreich unterwegs. Mit dem trockenen Humor, den das Buch auszeichnet, werden interessante Details über den Alltag in diesen Ländern aus der Sicht des Kriminalisten beigegeben. Hier trifft er sich mit den Erfahrungen des Publizisten Helge Timmerberg, der die Erinnerungen von Tommy aufgeschrieben hat und ein renommierter Reisereporter ist. Seit 2002 haben die österreichischen Fahnder unter anderem 65 Mörder und 92 Großbetrüger, die einen Gesamtschaden von 2,5 Milliarden Euro verursacht hatten, aufgespürt. Darauf ist Tommy stolz, denn die einzige Hoffnung auf Gerechtigkeit ist die Bestrafung durch die Justiz. rvTimmerberg, H.: Einer kriegt sie alle. ecoWing Verlag, Salzburg, 2024