War alles wertlos, was die DDR in die deutsche Einheit einzubringen hatte? Überflüssig und möglichst schnell zu beseitigen? Richard Schimko beantwortet diese viel diskutierte Frage nicht theoretisch, sondern biografisch. Sein Buch ist Lebensbericht, Zeitzeugnis und fachliche Selbstvergewisserung zugleich.
Schimko, 1945 geboren, gehört zu jener Generation, die nach dem Krieg aufwuchs und die DDR aktiv mitgestaltete. Sein Weg führte vom Abitur an der ABF Halle über die Arbeit im Schichtbetrieb und das Studium der Halbleiterphysik in Lwow/Lwiw bis in höchste wissenschaftliche und industrielle Leitungsfunktionen. Das Studium in der Sowjetunion sowie seine Tätigkeit als Studentensprecher eröffneten ihm einen besonderen Blick auf die vielschichtige Verflechtung russischer, ukrainischer, polnischer, jüdischer und deutscher Geschichte.
Im Zentrum steht die Verbindung von wissenschaftlicher Arbeit und politischem System. Schimko beschreibt Forschung in der DDR und die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion als anspruchsvolle Arbeit auf internationalem Niveau. Er erklärt verständlich den praktischen Nutzen theoretischer und grundlegender Forschung, ohne mit Fachdetails zu überfordern. Zugleich thematisiert er die Problematik zwischen Rüstungsindustrie und ziviler Nutzung sowie das nach 1990 weitgehend ungenutzte Potenzial ostdeutscher Spezialisten.
Als Direktor für Forschung und Entwicklung im Werk für Fernsehelektronik Berlin, Honorarprofessor an der Humboldt-Universität und später erfolgreicher Geschäftsführer im Auftrag der Treuhand bewegte sich Schimko in privilegierten Positionen. Er verschweigt diese Privilegien nicht, sondern zeigt, dass sie Ergebnis harter Arbeit, fachlicher Leistung und persönlicher Verantwortung waren. Seine Alibifunktion als ein „ostdeutsches Feigenblatt“ im Rahmen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie reflektiert er ironisch.
Anekdotenreich schreibt Schimko über Menschen, denen er begegnete, in ihren Stärken und Schwächen so unterschiedlich und eigenwillig, wie sie wohl nur in diesem kleinen Land möglich waren. Dabei gelingt ihm ein sachlicher, nüchterner Umgang mit der DDR-Geschichte: Er benennt Möglichkeiten und Grenzen, damalige wie heutige Tricks und Intrigen, ohne zu verklären oder abzurechnen.
„Ich bin Physiker und Kleinkapitalist“ ist die Entdeckung eines Lebenswegs zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik – und zugleich das Porträt einer Generation, deren Erfahrungen und Leistungen differenzierter betrachtet werden sollten. rvSchimko, R.: „Ich bin Physiker und Kleinkapitalist“, edition ost, 2025