Seltsames geschieht
auf der Karlsbrücke

Cover: Verlag
Was wissen wir eigentlich über die moderne Literatur aus der Tschechischen Republik, unserem Nachbarland? In diesem Jahr ist sie Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und auch auf der Messe in Leipzig vertreten.

Nur wenige tschechische Autoren sind im Deutschen bekannt, und die setzen sich oft mit der deutsch-tschechischen Vergangenheit auseinander. Umso mehr ist es dem Allee-Verlag München und der Übersetzerin Veronika Siska zu danken, dass jetzt, mehr als 30 Jahre nach seinem Erscheinen „Die andere Stadt“, der erste Roman von Michal Ajvaz (*1949), in deutscher Übersetzung vorliegt, nachdem er zuvor in 24 Ländern erschienen war.

Die andere Stadt, das ist ein Prag hinter dem Prag. Der Erzähler durchstreift reale Orte, trifft reale Menschen, und doch ist alles anders, seitdem er in einem alten Antiquariat ein „Buch mit dunkelviolettem Samtumschlag“ entdeckt hat, das seltsam geformte Buchstaben erhält, die doch zu keiner Schrift der Welt passen. Sprache und Zeichen - das ist ein Themenfeld, dem sich der Autor auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen gewidmet hat, doch hier geht es weder um eine Reise in die Vergangenheit noch um eine Reise in den politischen Untergrund, sondern um eine fantastische Welt mit gläsernen Skulpturen, in denen Meereswesen leben, mit nächtlichen Vorlesungen und einer grünen Straßenbahn, die ins Nirgendwo fährt. Die altehrwürdige Karlsbrücke wird von kleinen Elchen belebt, die sich im Schnee tummeln, in einer Skulpturengruppe gerät der Ich-Erzähler in eine kleine Bar. Es ist ein surrealistisches Abenteuer, mit Witz, mit Spannung, auch Ratlosigkeit. Mitunter ist die Satzstruktur des Romanciers sehr herausfordernd, aber sie fesselt auch, weil die Neugier wächst, wie das Abenteuer weitergeht und wohin es Erzähler und Leser noch führen mag.

Michal Ajvaz hat Tschechisch und Ästhetik studiert, sich aber in den 70er und 80er Jahren in die „innere Emigration“ zurückgezogen. Erst wenige Tage vor der „samtenen Revolution“ 1989 erschien ein erster Gedichtband. Ajvaz wird mitunter gefragt, ob er mit seinem Roman den Widerspruch zwischen Offiziellem und Privatem in der sozialistischen Tschechoslowakei aufgreift; das verneint er, bestätigt aber, dass viele Leser in der Grundstimmung des Buches die Züge jener Zeit wiedererkennen.

Zur Leipziger Buchmesse wird im März der jüngste Roman des Pragers erscheinen, er trägt den Titel „Passagen unter Glas“ und ist wiederum in winterlichen Städten angesiedelt, diesmal unter anderem in Leipzig. rvAjvaz, M.: Die andere Stadt.
Allee Verlag, München, 2025.
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