Vor 150 Jahren, am 8. Februar 1876, wurde Paula Modersohn-Becker geboren – eine Künstlerin, deren Werk heute internationale Anerkennung genießt. Ihre Gemälde erzielen sechsstellige Summen, bedeutende Museen weltweit zeigen ihre Arbeiten. Und doch kennen viele ihren Namen eher aus Biografien und Legenden, beispielsweise über die Dreierbeziehung zu Rilke, als aus der unmittelbaren Begegnung mit ihren rund 750 Gemälden und über 1000 Zeichnungen.
Der Weg dieser außergewöhnlichen Frau war steinig. Um 1900 war der Zugang zu künstlerischer Ausbildung für Frauen in Deutschland stark eingeschränkt. Akademien blieben ihnen weitgehend verschlossen oder stellten hohe finanzielle Hürden auf. Zudem bestimmte im wilhelminischen Kaiserreich ein konservativer Kunstgeschmack das offizielle Kulturverständnis. Frauen, die sich dennoch der Malerei verschrieben, wurden spöttisch als „Malweiber“ abgetan – talentlos oder heiratswillig, wie der „Simplizissimus“ höhnte.
Paula Modersohn-Becker widersetzte sich diesen Zuschreibungen. Zielstrebig und unbeirrbar verfolgte sie ihren künstlerischen Weg – in Bremen, in Berlin, in der Künstlerkolonie Worpswede und vor allem in Paris.
Die französische Metropole zog schon um 1900 Künstlerinnen aus aller Welt an. Für die junge Malerin wurden ihre vier Paris-Aufenthalte zu entscheidenden Stationen. Hier entwickelte sie jene reduzierte Bildsprache, die sie heute als Wegbereiterin der Moderne ausweist.
Anlässlich ihres 150. Geburtstags sind zahlreiche Publikationen erschienen, darunter zwei Neuerscheinungen aus dem Verlag ebersbach & simon, der sich vor allem literarischen Wiederentdeckungen bedeutender Frauen widmet. Der Roman „Göttertage“ der Kunsthistorikerin Gabriele Katz zeichnet ein lebendiges Porträt der Künstlerin. Er erzählt von ihrem leidenschaftlichen Streben nach künstlerischer Selbstverwirklichung – einem Streben, das Zeitgenossen mitunter als egoistisch bezeichneten, und ihrer gleichzeitigen Sehnsucht nach Freundschaft, Liebe und Anerkennung.
Einen anderen Zugang wählt die Journalistin Andrea Reidt mit ihrem Essayband „Paula und Paris“. Sie folgt den Spuren der Malerin durch die französische Hauptstadt, rekonstruiert typische Pariser Tage der 24-Jährigen, beschreibt Ateliers, Ausstellungen und künstlerische Begegnungen. Das Buch liest sich stellenweise wie ein kulturhistorischer Reiseführer – eine Perspektive, die bislang in der Literatur über Modersohn-Becker fehlte. Beide Bücher laden dazu ein, hinter die Legenden zu blicken und Paula Modersohn-Becker neu zu entdecken. rvKatz, G.: Göttertage. Reidt, A.: Paula in Paris. Beide Bücher erscheinen im Verlag ebersbach & simon Berlin, 2026.