Es ist ein typisches Stadthaus mit einem kleinen Hinterhof. Die 250 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich auf drei Etagen. Aktuell läuft der Umbau. Die Küchenzeile mit ihren grauen Fliesen war eines der ersten Projekte, die Steven Thederahn umsetzte. Er ist gelernter Klempner.
Demnächst soll die Wand zwischen Küche und dem Nebenraum, der später der Essbereich werden soll, entfernt werden. Auch die anderen Zimmer will die junge Familie nach und nach herrichten und sich ein gemütliches Heim schaffen.
Freyenstein ist der größte Ortsteil der Stadt Wittstock, etwa 18 Kilometer von der Kernstadt entfernt. Er verzeichnete im vergangenen Jahr den höchsten Einwohnerzuwachs.
Anfang 2025 lebten hier 722 Menschen. Zwölf Monate später waren es 745, also 23 mehr. Die anderen Ortsteile sind davon weit entfernt. Den zweithöchsten Zuwachs erlebte Freyensteins Nachbarort Wulfersdorf mit neun Personen. 369 Menschen lebten dort Ende 2025. Die höchsten Einwohnerverluste gab es in Fretzdorf (minus 21) auf 295 und Berlinchen (minus zwölf) auf 185. Noch 2024 verzeichnete Freyenstein ebenfalls ein Minus von zwölf Einwohnern. Jetzt die Kehrtwende.
Was macht Freyenstein attraktiv? Zum einen sei es das Haus und sein günstiger Kaufpreis gewesen, sagt Ann-Christin Thederahn. „So ein gutes Angebot bekommen wir nicht noch einmal“, habe sich das Paar gedacht.
Es wohnte zuvor in Biesen, suchte aber schon seit einigen Jahren ein Haus zum Kauf, um es sich nach den eigenen Vorstellungen herrichten zu können. Das junge Paar schaute sich unter anderem auch zwei Häuser in Christdorf an. Dort wohnt Ann-Christin Thederahns Schwester. Es hätte familiär also gut gepasst. „Es ist aber am Finanziellen gescheitert“, so die gelernte Erzieherin. In Freyenstein passte alles, auch der Preis. Für 75 000 Euro wechselte das Haus, das in den 1920er Jahren erbaut wurde, den Eigentümer. Früher habe sich unten eine Kneipe befunden, berichten die Thederahns. Steven Thederahn ist handwerklich begabt. Umbauarbeiten schrecken das Paar daher nicht. „Es geht immer Stück für Stück. Man darf nicht zu viel auf einmal wollen“, sagt er.
„Ein großer Pluspunkt war die Schule“, betont Ann-Christin Thederahn. Seit August 2025 gibt es im Ort die „Grundschule am Wall“, eine Bildungseinrichtung des Jugend- und Sozialwerks in Oranienburg in freier Trägerschaft.
Die zweieinhalbjährige Tochter sei bereits jetzt für den Schulbesuch angemeldet. Die Eltern wollten nicht zu spät kommen, nachdem sie sahen, „dass die Schule überrannt wird wegen ihres tollen Konzepts“, wie die Neu-Freyensteinerin sagt. Dass im Januar 2026 der Tante-Enso-Laden, ein rund um die Uhr zugänglicher Mini-Supermarkt, noch dazukam, verbesserte die Situation weiter.
Um sich im Ort schnell zu integrieren, engagiert sich Ann-Christin Thederahn ehrenamtlich bei der Volkssolidarität, hilft bei Angeboten rund um die Sturzprävention und arbeitet mit, um den Mittagstisch für Senioren zu realisieren. Das geht, weil die junge Frau derzeit ihre Elternzeit in Anspruch nimmt. „Ich freue mich schon auf den Sommer, wenn wir mit den Kindern zum Freibad gehen können.“
Die Thederahns hoffen, dass noch andere junge Familien nach Freyenstein ziehen. Es gebe genügend Häuser, die günstig erworben und saniert werden könnten.
Dass potenzielle Käufer derzeit in Freyenstein gute Chancen hätten, weiß Tom Schäfer, Geschäftsführer von Schäfer-Immobilien in Wittstock. Er sagt, dass in den vergangenen Jahren in Freyenstein geschäftlich nicht mehr viel gelaufen sei. Es habe schlicht keine Nachfrage gegeben – dadurch seien die Preise in den Keller gerutscht. Wer den Sanierungsaufwand nicht scheue, könne in Freyenstein fündig werden. Auf Immobilienplattformen liegen die Quadratmeterpreise für gebrauchte Immobilien dort teils weit unter 1000 Euro.
Sie könnten künftig nach oben gehen. Tom Schäfer will sich in Sachen Vermarktung jedenfalls wieder stärker um den Ort kümmern. Denn er weiß, dass sich die Lebensbedingungen dort gerade verbessern und er damit für potenzielle Käufer attraktiver wird.
Ortsvorsteherin Christa Ziegenbein ist froh über diese Entwicklung und stolz darauf. Der Beirat habe aber schon die nächsten Ziele im Blick: die Friedhofsgestaltung, die Unterstützung des Freizeitklubs bei der Sanierung des Beckens im Freibad, die Sanierung der Ortsdurchfahrt und das Herrichten des ersten Obergeschosses im Neuen Schloss.
Björn Wagener