Ein Mordfallim Schatten der Götter

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Ein blutendes Herz, das dem Gott Zeus zum Opfer geweiht wird? Vorstellbar auf einem Altar vor 2500 Jahren. Aber im Berlin unserer Zeit?

Der tote IT-Techniker und Maler Cemal Ölmez, ein Mann in den Dreißigern türkischer Herkunft, kann dieses Opfer kaum freiwillig gebracht haben – unmöglich, dass er sich mit chirurgischer Akribie selbst das Herz herausgeschnitten hat. Ein Fall für die Kriminalpolizei.

Chefermittlerin in diesem Mordfall ist die in Berlin geborene Yıldız Karasu, unterstützt von ihrem Kollegen Tobias Becker aus Leipzig – eine Mischung aus Lebens- und Kulturerfahrungen, die Spannungen erzeugt, den Ermittlungen jedoch zugutekommt. Denn die Spuren, die dieses Verbrechen hinterlassen hat, sind vielfältig: Auseinandersetzungen zwischen linken Hausbesetzern und Neonazis, familiäre Konflikte innerhalb der türkischen Familie aufgrund der Homosexualität des Opfers, Eifersucht, das ehemals geteilte Berlin, antike Schätze und eine rätselhafte psychische Erkrankung.

Die Ermittler gehen all diesen Hinweisen nach. Immer wieder stoßen sie dabei auf die griechische Götterwelt mit Tartaros, Kronos und Zeus sowie auf das heutige Bergama in der Türkei. Die Geschichte der Familie des Opfers scheint eng mit dem Pergamonaltar verbunden zu sein, den der deutsche Ingenieur Carl Humann zwischen 1878 und 1886 auf dem Burgberg von Pergamon in Anatolien ausgrub und für dessen Altarfries in Berlin ein eigenes Museum errichtet wurde. Eine zentrale Rolle spielt darin die Verehrung des Göttervaters Zeus und seine Tochter Athene. Und deshalb greift der Autor des Romans, Ahmet Ümit, in Einschüben immer wieder auf Überlieferungen und Mythen dieser Götterwelt zurück. Irgendwie hängen sie mit dem Verbrechen zusammen.

Ümit, geboren 1960, ist einer der meistgelesenen Autoren der Türkei. Seine kulturellen und linken politischen Erfahrungen sowie seine Sicht auf den Alltag in der deutschen Hauptstadt eröffnen eine andere Perspektive auf das Leben in einer multikulturellen und sozial differenzierten Gesellschaft, als sie viele deutsche Leser gewohnt sind. Dadurch werden eigene Bewertungen und Vorurteile auf den Prüfstand gestellt – ein besonderer Reiz dieses spannend geschriebenen Buches.

Der Pergamonaltar auf der Berliner Museumsinsel ist aufgrund umfassender Rekonstruktionsarbeiten derzeit nicht zu besichtigen. Einen lebendigen Eindruck vom einstigen Leben rund um den 300 Meter hohen Burgberg vermittelt jedoch Yadegar Asisi ganz in der Nähe mit einem Panorama, das die antike Stadt Pergamon an der kleinasiatischen Westküste eindrucksvoll darstellt. rv

Ümit, A.: Das Land der verlorenen Götter. btb Verlag, München, 2024.

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