Am 25. Mai 1992 erzielte Heiko Weber in Cottbus für den FC Carl Zeiss Jena das letzte DDR-Oberligator. Von den 14 Klubs, die 1990/91 in der DDR-Oberliga spielten, existieren heute einige nur noch unter anderem Namen im Regionalfußball, so der einstige Europapokalteilnehmer BSV Stahl Brandenburg, der in der Brandenburg-Liga spielt. Immerhin sind die Klubs aus Magdeburg, Dresden, Rostock und Cottbus noch in der dritten oder zweiten Bundesliga unterwegs.
Für den Autor des Buches „Plattgemacht“, den Dokumentarfilmer und Journalisten Mathias Liebing, ist es 35 Jahre später höchste Zeit, differenziert auf die Nachwende-Geschichte zu blicken. Was lief falsch? Unter welchen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschah der Umbruch? Und war die Entwicklung im Fußball tatsächlich so anders als in den übrigen Bereichen der ehemaligen DDR? Der Autor zitiert Dirk Zingler, Präsident des FC Union Berlin: „Während in der Wirtschaft die noch gut zu gebrauchenden Maschinen irgendwo abgeschraubt und woanders aufgebaut wurden, waren es im Fußball die Spieler und Talente, die mitgenommen wurden.“
Das Buch beschreibt, welches Potenzial vorhanden war: die Spieler, die Infrastruktur, das sportliche Wissen aus dem DDR-Leistungssport. Besonders im Fußball zeigte sich dies an den vielen jungen, ehrgeizigen Spielern, die nach dem WM-Erfolg von 1990 die im Westen entstandenen Lücken füllten.
Der Autor selbst war zur Zeit der Wende erst neun Jahre alt. Dadurch kann er mit Unbefangenheit auf die Geschichte blicken, auf die Erwartungen ebenso wie auf die Vorurteile. Gleichzeitig holte er sich Rat und Insiderwissen von Zeitzeugen, Spielern und Funktionären, wie Reiner Calmund und Ralf Minge.
Das Buch ist detailreich und lebendig geschrieben. Es behandelt große Themen wie Staatsdoping ebenso wie die kleinen Episoden vom Spielfeldrand. Liebing schildert zentrale, oft widersprüchliche Figuren wie Eduard Geyer oder Matthias Sammer, erzählt von Vereinskultur, Fanmilieus und Randale.
Im dritten Teil des Buches beschreibt der Autor die Entwicklungen in Leipzig, Cottbus und Berlin, die durch Mut, Glück und Überzeugung gekennzeichnet sind. Hier kann er auch auf eigenes Wissen aus seiner Arbeit bei einem Sportsponsor zurückgreifen. Dies ist ein Buch, das den ostdeutschen Fußball weder verklärt noch abwertet, sondern seine Entwicklung nach 1990 und den Einfluss des Westens differenziert betrachtet. rvLIebing, M.: Plattgemacht. Edel Sports, Hamburg, 2026.