Wie sich ein Pfarrer 1884 füreinen Toilettenbau starkmachte
Das Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Königsbergwurde für die Nutzung aufbereitet – Es birgt so manchen Schatz

Bekanntmachung des preußischen Königs.
Kyritz. Es sind deutliche Worte: „Wenn ein Mensch an Halse hängend, oder durch irgend eine äußere Gewalt, mittels eines um den Hals geschnürten Bandes erwürgt, ohne alle Lebenszeichen gefunden wird: so ist die schleunigste Hülfe nöthig. Sonst ist der Todt unvermeidlich.“ So zu lesen im „Edikt wegen … Rettung der durch plötzliche Zufälle leblos gewordenen, im Wasser oder sonst verunglückten und für todt gehaltenen Personen.“ Dieser Auszug aus einer Bekanntmachung des preußischen Königs Friedrich II. (der Große) aus dem Jahr 1775 gehört neben vielen anderen Schriftstücken zum Archivgut der Evangelischen Kirchengemeinde Königsberg.

Dieses Archivgut ist ein Schatz, der jetzt gehoben wurde. Der Bestand umfasst Akten von 1685 bis 2005 vornehmlich zu den Themen Kirchengemeinde, Pfarrämter, Gemeindeleben, Finanzverwaltung, Gebäude und Schule. Lange Zeit lagerte er im Pfarrhaus. Verpackt in unterschiedlichen Schachteln, Umzugskartons, Aktenordnern. Gebunden oder vereinzelt auch als „lose Blattsammlung“ aufbewahrt. Inzwischen befinden sich die Archivalien im Kreiskirchlichen Depositalarchiv Kyritz.

Der Kirchengemeinde Königsberg und auch dem Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin ist sehr daran gelegen, Ordnung in dieses Archiv zu bringen und die Schriftstücke für die interessierte Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Darum kümmerte sich in den vergangenen Monaten der Verfasser dieses Artikels, der Historiker ist.

Nicht alle Papiere sind archivwürdig. Abgesehen von einzuhaltenden Aufbewahrungsfristen sind vor allem Unterlagen mit rechtlicher, allgemein- sowie regional- und lokalgeschichtlicher Bedeutung und engem Bezug zur Kirchengemeinde Königsberg zur dauerhaften Aufbewahrung bestimmt. Das gilt auch für ausgefüllte Statistiken sowie einmalige Dokumente zur Zeitgeschichte.

Die detaillierte Beschäftigung mit den archivwürdigen Akten ist nicht nur Lese-, sondern auch „echte Handarbeit“. Das Schriftgut wurde aus den vorgefundenen Ordnern und Heftern herausgelöst. Es mussten alle Heft- und Büroklammern entfernt werden. Denn Metall rostet und greift das Papier an. Für die endgültige Aufbewahrung wurden dann säurefreie Aktenmappen und Kartonagen verwendet, die dem Schriftbestand keinen Schaden zufügen. Die Akten wurden schließlich erfasst, beschrieben, geordnet und in die Datenbank des Kirchenarchivs übertragen.

Die ältesten Akten, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen, behandeln oft rechtliche und finanzielle Dinge: Einnahmen- und Ausgabenverzeichnisse der Kirche, Grundstückssachen, Pachtverträge, Abgaben und Steuern und auch diesbezügliche Rechtsstreitigkeiten. Nur das Nötigste wurde festgehalten. Papier war teuer und im ländlichen Raum konnten viele Menschen weder lesen noch schreiben.

Eine Besonderheit sind die gedruckten Bekanntmachungen der preußischen Könige aus dem 18. Jahrhundert, zu denen auch das eingangs zitierte Beispiel gehört. Sie wurden vermutlich vom Pfarrer während des Gottesdienstes der Gemeinde vorgelesen. Friedrich-Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich II. gaben unter anderem Anweisungen zum Verhalten bei Infektionskrankheiten wie der Pest, zur Versorgung der Armen und gegen das überhandnehmende Betteln, aber auch zur „Abstellung des Voll-Saufens und Gesundheit-Trinkens.“

In späterer Zeit wird mehr Papier beschrieben. Der geographische Umfang der Kirchengemeinde ist sichtbar: Königsberg, Ganz, Lüttgendosse, Teetz, Bork, Lellichow und Karnzow. Es geht um den Bau, die Unterhaltung und das Inventar kirchlicher Gebäude, um Personalangelegenheiten und kirchliche Wahlen. Interessant sind nun auch sozialgeschichtliche Aspekte: Kinder- und Jugendfürsorge, Waisen- und Pflegekinder sowie Ferienkinder aus der Großstadt.

So versuchte im Jahr 1884 Pfarrer Karl Hirschberg dem notwendigen Bau von Toiletten für die Königsberger Schule mit einer drastischen Bemerkung Nachdruck zu verleihen: Die Jungen stellen sich an die Hauswände, und die Mädchen hocken sich auf die Straße, hieß es sinngemäß in einem Schreiben an vorgesetzte Stellen. Die Eingabe des Pfarrers hatte Erfolg.

1958 schrieb Pfarrer Wolfgang Althausen im Bericht an die Kreissynode über die sittlichen Zustände: „Die Trinkereien haben in Königsberg schon sehr nachgelassen. In Ganz hingegen, wo kein Gasthaus ist, wird der Alkohol gleich im Konsumgeschäft (Anm. d. Verf.: es befand sich in der ehemaligen Graetz‘schen Brennerei am Dorfplatz) flaschenweise hinuntergegossen. Im Februar hat sich auf der dortigen LPG ein schwerer Unfall ereignet, weil 2 Arbeiter schon vormittags um 10 Uhr völlig betrunken waren.“

Dem Praktikumsbericht eines Theologiestudenten aus Konstanz am Bodensee ist 1988 unter anderem zu entnehmen: „… In Teetz steht eine sehr große Kirche, sie wurde unter Friedrich (Wilhelm) IV. von Schinkel erbaut; sie ist jedoch nicht mehr für den Gottesdienst zu gebrauchen, weil sie zerfällt. Der Gottesdienst findet nur noch im Eingangsbereich der Kirche statt. Hier sind Elektroheizungen installiert, die jedoch bei klirrender Kälte nichts auszurichten vermögen.“

Als weiteres Beispiel sei die Königsberger Schulchronik (1890 - 1945) angeführt. Lehrer um Lehrer führte dieses gebundene Buch mit Angaben zum Alltagsgeschehen, zum Unterricht im jeweiligen Schuljahr sowie mit biografischen Auskünften beim Wechsel des Lehrers. Auffällig ist, dass ab dem Schuljahr 1932/33 mehrere Seiten der Chronik zu einem unbekannten Zeitpunkt herausgeschnitten oder zusammengeklebt worden sind. Erst mit Beginn des Krieges geht es lückenlos weiter. Alles wird zunehmend vom Kriegsgeschehen überlagert. Die letzte Seite der Chronik (Schuljahr 1944/45) ist ein eingelegtes Blatt. Knapp, aber eindringlich wird über die unmittelbaren Kriegseinwirkungen auf Königsberg berichtet: Evakuierte aus den Großstädten, Flüchtlinge, Verletzte, Unterrichtsausfall, Bomben auf den Nachbarort Grabow, die Schule als Lazarett nach Kriegsende. Festgehalten wurde auf diesem Blatt auch die für Königsberg traurige Nachricht: „Anfang Sept. (1944) wurde Prädikant Günther in Lille erschossen“.

Die Bearbeitung des Aktenbestandes der Königsberger Kirchengemeinde ist nun abgeschlossen. Mit diesem erschlossenen Bestand stehen der interessierten Öffentlichkeit jetzt weitere Quellen zur Kirchen-, Lokal- und Regionalgeschichte für die Nutzung im Kreiskirchlichen Depositalarchiv Kyritz zur Verfügung. Der Bestand kann im Rahmen des Landeskirchlichen Archivgesetzes genutzt werden. An dieser Stelle möchte sich der Autor für die ausgezeichnete fachliche Hilfe vonseiten der Fachaufsicht Archivpflege und durch Pfarrer Berthold Schirge bedanken. Thomas Wölker





Druckansicht