Früher modern und ganz wichtig – heute ein Industriedenkmal
Im ehemaligen Gaswerk in Neustadt (Dosse)können Besucher so manche Kuriosität entdecken

Sabine Ehrlich, die Vereinsvorsitzende, in einem Ausstellungsraum.Foto: Thomas Wölker
Neustadt  (Dosse). Der Standort ist kein Zufall. Das historische Gaswerk von Neustadt (Dosse) steht gegenüber dem 1788 gegründeten preußischen Gestüt. „Es sollte zeigen, dass Moderne und Tradition gut zusammenpassen“, erklärt Sabine Ehrlich. Die Vorsitzende des Fördervereins zur Erhaltung des Gaswerks in Neustadt (Dosse) e.V. erzählt, dass es anfangs vor allem um die Beleuchtung der Ställe ging. Das helle Gaslicht der Glühstrumpflampen galt als interessante Alternative zu Petroleum- oder Karbidlampen in den Ställen mit Heu und Stroh.

Das kleine Gaswerk mit den liegenden Retortenöfen zur Versorgung der Verbraucher in Neustadt wurde 1903 eröffnet und war bis 1980 in Betrieb. Schon kurz vor dem seinem Betriebsende wurde es als technisches Denkmal auserkoren. Denn in der vorhandenen Bauart ist es das einzige noch fast im Originalzustand erhaltene Gaswerk in Mitteleuropa und damit etwas ganz Besonderes.

Die für die Gaserzeugung verarbeitete Steinkohle wurde anfangs mit der Bahn von Schlesien und das letzte Stück mit Pferdefuhrwerken hierher transportiert, berichtet die Vereinsvorsitzende. In den Öfen wurde sie dann unter Luftabschluss bei hoher Temperatur vergast. Das war das Grundprinzip. Als Nebenprodukte der Gasgewinnung fielen Koks für die Stahlerzeugung sowie Teer, Benzol, Ammoniak und Schwefel für die Chemische Industrie an.

Nach verschiedenen Reinigungsstufen landete das Gas schließlich im Speicher. Der schon von Weitem sichtbare Glockengasometer sorgte auch für einen weitgehend gleichbleibenden Gasdruck. Er ist ein zylinderförmiger Doppelbehälter. Durch das einströmende Gas wurde der Innere angehoben. „Am Morgen stand er hoch oben, im Lauf des Tages senkte er sich wegen des Verbrauchs allmählich ab“, erläutert Detlef Hoppenheit, Mitglied des Fördervereins.

Neben dem Gestüt war in den ersten Jahren der Bahnhof Neustadt als Eisenbahnknotenpunkt ein Hauptabnehmer für Leuchtgas. Erst später mit größerer Verbreitung bürgerte sich der Name „Stadtgas“ ein: Es wurde zunehmend zum Heizen sowie Kochen und weniger für die Beleuchtung verwendet. Die übernahm das elektrische Licht ab den 1920er Jahren.

Später wurde die Leistung der Gasanstalt erhöht. Kochen blieb jedoch oft ein Problem. Der Gasdruck schwankte wegen der vielen Verbraucher stark. Nach der Stilllegung des Werks wurde das druckstabilere Ferngas, in der Regel ungiftiges Erdgas mit größerem Heizwert, verwendet. „Der Anschluss dafür war in Neustadt ab 1980 schnell und einfach möglich. Es gab schon die Leitungsinfrastruktur vom Gaswerk“, so die Vereinsvorsitzende.

Ein Hauch von Vergangenheit umgibt heute die gesamte ehemalige Gasanstalt. Die Erinnerung an die Rufe der Arbeiter, an Maschinenlärm, Ruß, Gestank, Kohlenstaub und Ofenhitze. Lampen, Öfen, Herde, Bügeleisen und sogar Kühlschränke zeugen von den vielen Einsatzmöglichkeiten des Stadtgases.

Eine besondere Kuriosität ist eine mit Gas von unten beheizbare Badewanne: „Damit wurde Feuer unter dem Hintern gemacht“, sagt Sabine Ehrlich lachend, „sicherlich nur etwas für Wohlhabende“.

Heutzutage ist auch weitgehend vergessen, wie das Gas bezahlt wurde: In vielen Haushalten gab es Gaszähler. Dort wurden Gasmünzen, erhältlich beim Gaserzeuger, oft mit einer Kerbe als Alleinstellungsmerkmal versehen, eingeworfen. Dann konnte eine festgelegte Menge an Gas entnommen werden. WSDas Historische Gaswerk ist für Besucher Dienstag bis Freitag jeweils von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Zusätzliche Besuchszeiten – auch an den Wochenenden – sind nach Vereinbarung unter Tel. 033970/
51187 möglich.

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