Wer wandert schonin seiner eigenenStadt herum?

Cover: Verlag
Eine der beiden Kulturhauptstädte Europas 2026 ist die westslowakische Stadt Trencín. Sie liegt an der Váh und wird von einer mächtigen Burg überragt. Ihre Geschichte reicht bis in die Römerzeit zurück; heute prägen historische Bauten, die Synagoge und Spuren der wechselvollen Vergangenheit das Stadtbild. Doch die Stadt ist nicht nur ein geografischer Ort. In Lukáš Cabalas Roman „Denkst du noch an Trencín?“ entsteht hier ein Raum, in dem sich Menschen zur gleichen Zeit und doch in unterschiedlichen Jahreszeiten begegnen können. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen ineinander.

Mal humoristisch, mal melancholisch macht Cabala mit seiner Heimatstadt bekannt – mit der Stadt, wie sie heute ist, aber auch mit jener, die nur noch in Erinnerungen und Erzählungen existiert. In seinem magischen Realismus werden verschwundene Orte wieder begehbar und Zeiten durchlässig. Überraschende Wendungen, Verknüpfungen und Andeutungen berühren emotional und erzeugen immer wieder Spannung. Die Idee, wie die Lesefreudigkeit der Menschen gesteigert werden kann, lädt zur Nachahmung ein.

Im Mittelpunkt des Romans stehen der Antiquar Vincent mit seiner Freundin und Mitarbeiterin Laura und deren Sohn Oliver. Vincent trägt autobiografische Züge: Cabala, 1986 in Trencín geboren, betreibt dort seit 2011 gemeinsam mit seinen Eltern ein Online-Antiquariat.

Einen zweiten Erzählstrang eröffnet die israelische Journalistin Tamara Márer. Ihr Großvater lebte einst in Trencín und verließ es vor dem Zweiten Weltkrieg. Auf der Suche nach seinen Spuren begegnet sie einer untergegangenen jüdischen Welt und dem Maler Albert, mit dem sich eine Liebesgeschichte entwickelt.

Aus kurzen Begegnungen, Episoden und Anekdoten entsteht ein lebendiges Stadtporträt, ergänzt durch Illustrationen des Trencíners Juraj Toman, die mit dem Text verbunden sind. Cabala zeigt eine Stadt, die nicht allein aus ihren Straßen und Gebäuden besteht, sondern ebenso aus Menschen und aus dem, woran sie sich erinnern, was verblichen ist, was vielleicht hätte sein können oder sein wird.

Die deutsche Ausgabe erschien 2026 im Allee Verlag und wurde von Stefanie Bose aus dem Slowakischen übersetzt. Bose lebt in Leipzig und wurde 2023 mit dem Susanna-Roth-Übersetzungspreis ausgezeichnet. 2026 ist sie Stadtschreiberin in Trencín – eine besondere Verbindung zwischen Roman, Übersetzung und Kulturhauptstadt. rv

Cabala, L.: Denkst du noch an Trencín? Allee Verlag, München. 2026.

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