Mit den Augen
der Raben sehen
Wie Forscher die Verbreitung einer gefährlichen
Tierkrankheit erkunden

Brandenburg. Zusammen mit Krähenvögeln und Künstlicher Intelligenz wollen Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin (IZW) die Afrikanische Schweinepest erkunden. Mehr als 3500 Wildschweine wurden im Land Brandenburg bereits positiv auf das Virus dieser Tierkrankheit getestet. Und so wächst sich die Seuche, die erstmals im Jahr 2020 in Brandenburg auftrat, langsam zum erheblichen Problem für das Bundesland aus. Denn auch Hausschweinbetriebe sind betroffen.

Nun sollen die Raben dabei helfen, Wildschweine zu entdecken, die an der Afrikanischen Schweinepest erkrankt und verstorben sind. Für die Raben sind die Tierkadaver eine Nahrungsquelle. Jeder ihrer Funde gibt den Wissenschaftlern Informationen über die Verbreitung der Tierseuche und das Ausmaß der Infektion. Die ersten Tests mit den detektivischen Raben laufen im Oderbruch.

„Wir wollen so gut mit den Raben korrespondieren, dass wir quasi durch ihre Augen sehen können“, sagt Jörg Melzheimer, der Wildtierbiologe in der Abteilung für Evolutionäre Biologie am IZW ist. Basis dafür ist eine Art kleiner, wenige Gramm schwerer „Rucksack“ mit unterschiedlichen Sensoren, unter anderem für Positions-, Beschleunigungs- und Temperaturdaten. Mittlerweile tragen mehr als 50 Raben einen solchen Rucksack auf ihrem Rücken. Das geringe Gewicht störe die Tiere nicht, schildert Jörg Melzheimer. Da fast ausschließlich männliche Vögel eingebunden seien, würde der Rucksack vielleicht sogar als zusätzliches Element betrachtet, um gegenüber anderen bei der Balz zu glänzen.

Die Sensoren liefern nicht nur Daten etwa über Position und Beschleunigung, sondern auch über Verhaltensweisen. Mithilfe der KI lassen sich nach Angaben des Wildtierbiologen auch Informationen darüber gewinnen, wie groß ein Tierkadaver ist, wohin der Rabe seine Beute transportiert, um sie zu verzehren, oder welche Fortbewegungsweise in welchem Medium er dafür nutzt. Aus Unregelmäßigkeiten im Umgang mit dem Aas-Vorkommen lassen sich auch kritische Veränderungen im Ökosystem und deren Folgen für Ausbrüche von Wildtierkrankheiten erkennen. Durch die Sender wird es möglich, fast in Echtzeit solche lokalen ökologischen Krisenherde zu erkennen.

Rund 100 Messwerte je Tier kommen dabei pro Sekunde zustande, die – per Satellit übertragen – mithilfe der KI für das menschliche Hirn übersetzt werden. „Wir werfen alle Intelligenz in eine Waagschale, die der Raben, der KI und unsere“, erläutert Jörg Melzheimer. So entstehen nicht nur völlig neue Einblicke in die Welt der Tiere und ihre Lebensräume. Gewonnen werden auch Erkenntnisse über ihr Verhalten in Echtzeit und eine Art Frühwarnsystem für ökologische Veränderungen. Zudem werden noch Möglichkeiten anderer Einsatzfelder erkundet.

Während durch die von den Wildschweinen übertragene Schweinepest erhebliche ökonomische Schäden drohen, geht von den Tieren selbst eigentlich wenig Gefahr aus. Auch wenn immer wieder davon die Rede ist, dass Wildschweine häufiger in städtischen Gebieten anzutreffen sind, rät Jörg Melzheimer zu einer ähnlichen Gelassenheit wie die Tiere selbst sie zeigen. „Wildschweine können sich kognitiv gut und schnell in anderen Umgebungen einrichten und sind hochsoziale Tiere“, weiß der Wildtierbiologe. In städtischen Gebieten würden sich die Paarhufer fast nie auf sie sonst gefährdende Feinde einrichten müssen, fänden nahezu überall passende Nahrung und profitierten auch vom wärmeren Klima, das im Schnitt zwei bis drei Grad höhere Temperaturen als ländliche Umgebungen aufweist. Diese Erfahrungen wüssten sie auch ihren Nachkommen zu übermitteln. Hinsichtlich aggressiven Verhaltens gegenüber Menschen sind sie nach Angaben von Tierforschern eher zurückhaltend und zeigen sich eigentlich nur dann kampfbereit, wenn sie ihre Nachkommen bedroht sehen. „Ich tue mich etwas schwer, die Angst, die da bei vielen Menschen herrscht, zu verstehen“, sagt Jörg Melzheimer. gd

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