Die Geschichte beginnt an dem Ostsee – kein Schreibfehler, der Cottbusser Ostsee ist der größte künstliche Binnensee Deutschlands. Wer sich auf sie einlässt, ist schnell in eine andere Welt versetzt. Nicht in die der Geister und Sagen des Spreewaldes, sondern in die von Jugendlichen, die ihre eigene Sprache und ihre eigenen Umgangsformen haben. Einige von ihnen sind so in ein Computerspiel vertieft, dass es schwerfällt, Wirklichkeit und virtuelle Welt auseinanderzuhalten. Genau das erfahren Hauptkommissar Nachtigall samt Team, als sie sich mit dem Mord an Samatha auseinandersetzen, die als „Cloud“ eine der Hauptgestalten eines Computerspiels um Gut und Böse, Druiden und die Rettung der Welt ist. Ein Verbrechen unter Schülern oder unter Gamern?
Wie immer in ihren Romanen zeichnet die erfahrene, forensisch ausgebildete Autorin Franziska Steinhauer Menschen, Konflikte und Milieus genau nach und verliert sich nicht in Rückblenden. Die Leser folgen dem Geschehen überwiegend aus der Sicht der aktuellen Ermittlungen, mitunter auch aus der Perspektive von Freunden oder Feinden des Opfers, unter denen sich der Täter oder die Täterin befinden muss.
Wer sich in den Kriminalroman „Gewitter über dem Spreewald“ erst einmal eingelesen und in der Welt der Jugendlichen zurechtgefunden hat, wird bei der Lektüre zunehmend gefesselt. Die Themen des Buches – vor allem das Erleben der Pubertät, die Haltlosigkeit und Orientierungssuche der jungen Menschen – können auch dem älteren Leser einigen Stoff zum Nachdenken geben.
Konflikte mit den Eltern, wie sie wohl jeder kennt, werden zugespitzt dargestellt. Und wenn dann Freunde oder Geschwister fehlen, wird es im Taumel der Hormone schnell unübersichtlich. Drogen und Tabletten, ungewollte sexuelle Erfahrungen, Schwangerschaft, die Suche nach Vertrauen und der Umgang mit Verrat werden behandelt – ebenso wie Geltungsbedürfnis, Identitätsfindung und Klischees über die Rolle von Mann und Frau, die sich nicht nur in der älteren Generation finden. Die Autorin lässt den Kriminalisten Peter Nachtigall, Maja Klapproth, Silke Dreier, Marten Klausing und dem Fachmann für Fallanalyse Emile Couvier Raum für ein privates Leben, in dem menschliche Reaktionen auf die Aufklärung des Verbrechens sichtbar werden, ohne Spannung zu mindern. Denn vor allem ist dies ein Kriminalroman – zudem einer mit Katzen, die sich gern als Hauptpersonen sehen würden. rvSteinhauer, F.: Gewitter über dem Spreewald. Gmeiner-Verlag, 2026.