Anthea Protz aus Pritzwalk ist Fahrzeugsattlerin und seit Juni vergangenen Jahres selbstständig. Mit 26 Jahren führt sie bereits ihre eigene Werkstatt. „Eine Sattlerin macht aus Alt wieder Neu“, sagt sie. „Ich fertige oder repariere Sitzmöbel für beispielsweise Autos, Motorräder oder Boote.“
Die Ausbildung zum Sattler oder zur Sattlerin ist in Deutschland in drei Fachrichtungen unterteilt. Auszubildende können sich entscheiden: Da ist zum einen die Fahrzeugsattlerei – die Fachrichtung von Anthea Protz. Auch gibt es Reitsportsattler: Das sind spezialisierte Handwerker, die (Leder-)Produkte für den Reitsport herstellen, anpassen und reparieren. Sattler in der Feintäschnerei entwerfen, fertigen und reparieren Waren wie Handtaschen, Koffer, Brieftaschen, Rucksäcke und Gürtel. Die Sattler-Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre.
In der Werkstatt von Anthea Protz landen vor allem Autositze auf dem Arbeitstisch. „Gerade die Seitenbacken am Fahrersitz – das sind die seitlichen Erhöhungen an Sitzfläche und Rückenlehne – gehen oft kaputt, weil man beim Ein- und Aussteigen oft drüber reibt“, erzählt die Sattlerin. Der Weg von der Idee bis zum fertigen Sitz beginnt stets mit einem Beratungsgespräch. Kunden bringen ihre Stücke vorbei oder zeigen Fotos. Dann wird geplant, Material ausgesucht, alles abgepolstert – „damit man erst mal auf null kommt“ – und schließlich neu aufgebaut.
Anthea Protz startete ihre Ausbildung im August 2022 bei Memotec Medizintechnik in Pritz-walk, einem Service- und Vertriebsunternehmen für Medizinprodukte und Dienstleistungen, das spezialisiert ist auf medizinische Sitz- und Liegesysteme. Durch ihr Abitur konnte sie verkürzen und war bereits im Januar 2025 fertig. Die Ausbildung erfolgte dual – vier Tage im Betrieb, ein Tag Schule pro Woche am Oberstufenzentrum Bekleidung und Mode in Berlin.
Um die Ausbildung beginnen zu können, reicht in der Regel ein Realschulabschluss. „Kenntnisse in Mathe sind wichtig“, sagt Anthea Protz, „und auch das räumliche Denken, damit man weiß, wie man die Materialien zusammennähen muss“. Kreativität spielt zudem eine Rolle: „Man braucht Vorstellungsvermögen, um zu wissen, was der Kunde möchte und was man anbieten kann.“ Zudem natürlich wichtig: Lust auf Handwerk – und auf Menschen, denn Kundengespräche gehören dazu.
Der Beruf ist praktisch, aber keineswegs nur „schweres Arbeiten“. Präzision ist entscheidend. Stoffe müssen exakt zugeschnitten, gespannt und vernäht werden. „Man lernt in der Ausbildung erst mal, wie man seine Hände richtig benutzt“, sagt Anthea Protz. „Manchmal muss man den Stoff ziemlich fest um Ecken ziehen.“ Daher sei ein wenig körperliche Kraft von Vorteil. Das Handwerk ist schon lange auch bei Frauen beliebt. In Anthea Protz‘ Klasse in der Berufsschule waren mehr Frauen als Männer.
Sattlerinnen und Sattler tragen aktiv zur Nachhaltigkeit bei. Alte Lieblingssessel, Oldtimer oder Erbstücke bekommen ein neues Leben. „Solche wertvollen Stücke wirft man ja nicht einfach weg“, sagt Anthea Protz. Gerade im Oldtimerbereich oder bei hochwertigen Möbeln sind die Fachkräfte gefragt.
Anthea Protz ist Sattlerin in dritter Generation. Ihr Großvater war Sattler, ihr Vater arbeitet noch in dem Beruf. Ihr Rat an interessierte junge Menschen: „Definitiv ausprobieren!“ Ein Praktikum sei ideal, um herauszufinden, ob einem die Werkstattarbeit liegt. Was sie an ihrem Beruf am meisten fasziniert? „Dass man aus einer Rolle Stoff so viel machen kann.“ Und: „Am Ende des Tages sieht man, was man gemacht hat.“ Der Beruf sei passend für alle, die gerne mit den Händen arbeiten, Gestaltung lieben – und nachhaltig arbeiten wollen, ist sich die Gesellin sicher. „Das Schönste an dem Beruf ist, dass jedes Projekt anders und jedes Stück eine neue Herausforderung ist“, sagt Anthea Protz. Stephanie Drees