An einem sonnengesättigten Vormittag sitzt Margarethe Biereye, Mit-Gründerin des bekannten Ensembles, Regisseurin und 80 Jahre alt, auf ihrem Gelände in Glindow. Sie erzählt von der Produktion. Hinter ihr steht einer der Zirkuswagen, in denen sie und ihr Lebens- und Kunst-Partner David Johnston (79) die meiste Zeit im Jahr leben. Für die Theatermacherin ist der 200 Jahre alte Stoff zeitlos. „Er könnte aktueller kaum sein und ist einfach großartig“, sagt sie. „Da ist kein überflüssiges Wort drin.“ Die Inszenierung feierte im Herbst 2025 im Potsdamer T-Werk Premiere. Nun geht sie als Open-Air-Version auf Sommertour. Büchners Geschichte vom gehetzten Soldaten Franz Woyzeck, der von Armut, gesellschaftlichem Druck und psychischer Gewalt zermürbt wird, gehört zu den großen sozialen Dramen der Literatur. Die Hauptfigur habe keine Chance, sagt die Regisseurin. Und heute, in dieser Welt, gehe es vielen Menschen ähnlich.
„Woyzeck ist das Opfer. Und darum Täter“, sagt die Regisseurin. Das „Ton und Kirschen” Wandertheater verbindet diese existenzielle Geschichte über die Entstehung und Redundanz von Gewalt mit seiner eigenen Handschrift: Schauspiel trifft auf Musik, Marionettenspiel und die Bildsprache eines fahrenden Theaters. Cello, Tuba, Akkordeon und Gitarre begleiten das Geschehen, dazu kommen Masken und clowneske Momente, die für einen Wechsel der Stimmungen sorgen.
Oft hat die Gruppe in der Vergangenheit Märchenstoffe in Szene gesetzt. „Woyzeck ist unser Anti-Märchen“, sagt Margarethe Biereye. Die Mischung aus tiefer Tragik und Jahrmarkt-Treiben, aus Schwere und Leichtigkeit, passt zur poetisch-bilderreichen Ästhetik der Theatergruppe.
Seit 1992 zieht „Ton und Kirschen“ durch Deutschland und weit darüber hinaus. In Glindow lebt und arbeitet das Ensemble auf seiner Wiese mit Werkstätten, Probenplatz und eigener Theatermanufaktur. Bühnenbilder, Marionetten, Masken – fast alles entsteht dort in Handarbeit. „Hier läuft die Theaterarbeit von morgens oft bis spät in die Nacht“, erzählt Margarethe Biereye. Leben und Schaffen gehen nahtlos ineinander über. Das Wandertheater ist für sie bis heute Lebensform. „Natürlich ist das auch anstrengend“, sagt sie. „Aber es ist unser Leben. Man bleibt dabei lebendig.“
Auch in der Prignitz hat die Gruppe ein treues Publikum, gastiert immer wieder vor den historischen Kulissen der stattlichen Burgen in Lenzen und Putlitz. Für die Open-Air-Version von „Woyzeck“ wird derzeit noch am Bühnenbild gearbeitet. Anders als im Theaterraum müssen Wind, Wetter und Weite mitgedacht werden. Aber, so viel sei verraten: „Wie ein Feldlager wird es sein“. dreTermine: Freitag, 7. August,