Freibier vom
Kommerzienrat
Ortschronist Thomas Wölker berichtet vonden Erinnerungen einer Enkeltochter desGroßunternehmers Max Graetz an das Leben in Ganz

Er war ab 1930 Miteigentümer und alleiniger Wirtschaftsführer auf dem väterlichen Gut: Rudolf Graetz, jüngster Sohn von Max Graetz.
ganz. In der breiten Dosse-Talung auf sandigem Grund am Rand der Lütkendosse liegt Ganz. Ein sehr kleiner Ort nordöstlich der Stadt Kyritz zwischen Lellichow und Teetz mit 55 Bewohnern. Es ist meist ganz ruhig in Ganz und nachts auch ganz dunkel.

Allerdings hat dieser kleine Ort eine spannende Geschichte. Im April 1914 erwarb Max Graetz, der international erfolgreiche Berliner Großunternehmer und Erfinder (die Petromax-Lampe), die Herrschaft Ganz von Elisabeth von Karstedt in Fretzdorf. Er machte aus dem kleinen Wohnplatz eine Art Rittergut als Plananlage mit neuen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Die dortige Landwirtschaft galt ab den 20er Jahren weit über die Region hinaus als Musterbetrieb. Das zentrale Gebäude am Dorfplatz war die damals moderne Brennerei.

In dem von Graetz erbauten und bewohnten Schloss wuchs auch seine Enkelin Barbara auf. 1933 in Berlin geboren, verbrachte sie bis 1945 ihre Kinderjahre in Ganz. Mit Mutter und Bruder sowie den Großeltern lebte sie im Schloss. Ihr Vater, Erich Graetz, kam oft nur an den Wochenenden zu seiner Familie nach Ganz. Als Miteigentümer und seit Beginn der 30er Jahre leitendes Vorstandsmitglied der Ehrich & Graetz AG in Berlin lebte er unter der Woche nahe dem Unternehmen in der Familienvilla in Treptow.

Der Verfasser konnte vor einigen Jahren bei gegenseitigen Besuchen mehrfach mit der Enkelin von Max Graetz über ihre Kindheit und die verlorene Heimat sprechen. Deren Tochter hatte darüber hinaus als interessante Bildquelle ein Fotoalbum aus dem Nachlass ihrer inzwischen verstorbenen Mutter zur Verfügung gestellt.

Kommerzienrat Max Graetz verstarb im Herbst 1936 in Ganz mit 74 Jahren. Barbara hatte daher nicht viel gemeinsame Zeit mit ihrem Opa. Es gab aber doch ganz frühe Kindheitserinnerungen. Sie beschrieb ihn als gütigen, liebevollen Großvater. Er überließ in den letzten Lebensjahren das Berliner Unternehmen zunehmend seinen Söhnen Erich und Fritz und genoss das ruhige Landleben in Ganz. Mit großer Freude widmete Max Graetz sich in dieser Zeit seinen Apfelbäumen.

Er hatte dazu neben dem Schloss parallel zur Straße nach Teetz eine Plantage errichten lassen, züchtete und veredelte das Obst, oft im schriftlichen Austausch mit Gleichgesinnten im In- und Ausland. Gern saß Barbara im Arbeitszimmer am Schreibtisch auf seinem Schoß, genau wissend, dass und wo in der Schublade die Bonbons für sie lagen. Wenn sie dann auf die vor ihr sichtbaren Schreibtischfotos zeigte, erzählte Max Graetz in einfachen Worten von Henry Ford, seinem Freund in Amerika. Er hatte ihn Ende des 19. Jahrhunderts bei seinem dreijährigen Aufenthalt dort kennengelernt.

Dass Opa beliebt und geachtet war sowohl in Berlin als auch im näheren Umkreis, erfuhr Barbara auch nach seinem Tod. So gab es zum Beispiel immer wieder Fußballwettbewerbe zwischen Teetz und Ganz. Für die Verlierer wurde als Trostpreis Freibier vom Kommerzienrat spendiert. Das sollen die Teetzer ausgenutzt haben, so wurde damals gemunkelt. Am Grab von Max Graetz auf dem Waldfriedhof war bis vor einigen Jahren noch eine inzwischen leider verschwundene Bronzetafel angebracht: „Er ging im Leben mit uns und steht für immer vor uns – Gefolgschaft der Ehrich & Graetz AG“. Das soll an dieser Stelle genügen als Hinweis auf einen geachteten Arbeitgeber.

Es war für das junge Mädchen eine friedliche, unbeschwerte Zeit in Ganz. Sie besuchte dort die Volksschule, anschließend eine höhere Schule in Kyritz. Als Schülerin hatte sie keine Sonderstellung in der Gemeinschaft der Gleichaltrigen und war daher natürlich auch geprägt von den politischen Rahmenbedingungen der NS-Zeit. Barbara war in das Dorfleben gut integriert. Sie mochte die Tiere, interessierte sich für die Landwirtschaft. Manchmal besuchte sie „Onkel Rudi“ auf dem Feld. Rudolf Graetz, Jahrgang 1898 und jüngster Sohn von Max Graetz, hatte Landwirtschaft gelernt und studiert, ab 1922 die Verwaltung des väterlichen Guts in Ganz übernommen und war seit 1930 dort Miteigentümer und alleiniger Wirtschaftsführer. Barbara mochte ihren Onkel, den sie meist Zigarre rauchend in Erinnerung hatte.

Befragt nach dem privaten Fuhrpark, schwärmt Barbara von den schönen großen Autos; die Herren in der Familie fuhren Horch, die damaligen Wagen der Oberklasse aus Zwickau. Hin und wieder wurde auch der „Nachbar auf Schloss Karnzow“ besucht. Eigentümer war damals Graf Friedrich Wilhelm Adolf von Königsmarck. Über den Schwarzen Damm am Postluch und am alten Schafstall vorbei war der Weg dorthin ein schöner, großer Spaziergang. Sicherlich wusste Barbara damals nicht, dass in den letzten Kriegsjahren im Keller des Schlosses wertvolles Inventar aus der Bremer Kunsthalle versteckt und eingemauert war: Der Graf hatte diese Schutzmaßnahme in Absprache mit der Stadt Bremen in aller Stille durchführen lassen. Denn die Hansestadt war recht früh von alliierten Bombenangriffen betroffen. Das Versteck wurde jedoch von den Sowjets Anfang Mai 1945 entdeckt. Die meisten Kunstwerke befinden sich heute in Russland. Der Graf überlebte das Kriegsende nicht: Er nutzte den ihm zugesicherten freien Abzug, ruderte mit seinem Boot auf den Obersee und schnitt sich die Pulsadern auf.

Auch für Barbara fanden die glücklichen Kinderjahre 1945 ein jähes Ende. Vorboten gab es Ende April. Streng bewachte Häftlinge aus dem KZ-Sachsenhausen rasteten während des Todesmarsches in Richtung Nordwesten im Hof des Rittergutes. Barbara sah als Zwölfjährige dort die ausgemergelten, erschöpften Menschen in Sträflingskleidung. Und sie taten ihr leid. Aber im Kinderkreis wurde über das Gesehene nur heimlich geflüstert.

Am 1. Mai 1945 kamen dann die sowjetischen Truppen aus Richtung Teetz. Am Vortag hatte die über Stolpe in Richtung Kyritz abziehende deutsche Wehrmacht noch eine Panzerabwehrkanone an der Ecke Schwarzer Damm/Postluch zur Verteidigung in Stellung gebracht. Rudolf Graetz wünschte jedoch keinen Einsatz mehr; es würde nur unnötiger Schaden angerichtet. Barbara erlebte, versteckt im Stall und absichtlich mit stinkender Hühnerkacke eingeschmiert, die Ankunft der Soldaten mit Kavallerie und Panjewagen. Ihre Mutter im Schloss blieb vielleicht deswegen unbehelligt, weil sie im 9. Monat hoch schwanger war.

In Absprache mit der Familie tauchte Rudolf Graetz erst einmal in Kyritz unter. Seine Schwägerin mit den Kindern wurde noch bis Anfang Juni im Schloss unter sowjetischer Verwaltung geduldet. Dann musste die Familie endgültig gehen. Sie fand für einige Zeit notdürftig Unterschlupf bei Bekannten in Blandikow nahe Heiligengrabe. Später zog sie mit Unterstützung von Vater Erich Graetz, der auch kurzfristig inhaftiert war, nach Berlin.

Die Plünderung des Schlossinventars in Ganz sowohl durch die Soldaten als auch durch Personen aus der näheren Umgebung konnte bis zur Vertreibung der Familie Graetz jedoch nicht verhindert werden. Geblieben sind die Erinnerungen. Die Erwachsenen der damaligen Zeit sind fast alle gegangen. Mehrmals war Barbara als alte, aber rüstige Dame nach der Wiedervereinigung hier, zeigte ihren Kindern und Enkeln die alte Heimat, begrüßte alte Bekannte in Ganz. Über eine Rückkehr, auch mit den Nachkommen, war oft und lange nachgedacht worden, aber alle hatten schon eine neue Heimat gefunden. Thomas Wölker

Der Verfasser Thomas Wölker freut sich als Ortschronist über die Meldung von Lesern zur Geschichte von Ganz in der Zeit der Familie Graetz und in den Folgejahren der Bodenreform: Tel. 033976/70460

oder per E-Mail:

thwoelker@googlemail.com









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