„In Zukunft trifft es nicht mehr alle Apotheken so häufig“, bestätigt Ramona Reimann von der Landesapothekerkammer Brandenburg. In der Kammer sind alle 522 Apotheken organisiert, die in Brandenburg existieren. Apotheken sind grundsätzlich verpflichtet, Notdienst zu machen. Die Kammer legt fest, wer wann an der Reihe ist. Bisher traf es jede Apotheke in Brandenburg alle 13 Tage. „Ab 1. März ist jede nur noch alle 20 Tage an der Reihe“, sagt Ramona Reimann. Für die Apotheken ist das eine große Entlastung, vor allem für die vielen kleinen. Denn immer, wenn eine Apotheke geöffnet hat, muss ein zugelassener Apotheker oder eine Apothekerin anwesend sein, auch beim Notdienst. In kleinen Apotheken kann das oft nur die Inhaberin oder der Inhaber selbst übernehmen.
Sie oder er muss Tag für Tag im Laden stehen und Patienten beraten und musste zusätzlich bisher alle 13 Tage eine 24-Stunden-Notdienstschicht einlegen, nur um gleich danach wieder im Laden weiterzumachen. „So ein Dienst beginnt um 8 Uhr morgens und endet um 8 Uhr am Morgen des nächsten Tages“, sagt Marcel Wiencke. Er führt zusammen mit seiner Frau Kristin seit acht Jahren die Adler-Apotheke in der Neuruppiner Karl-Marx-Straße. 20 bis 25 Patienten pro Notdienstschicht sind fast schon normal. In Spitzenzeiten hat die Neuruppiner Adler-Apotheke einmal 35 gezählt. „Und die muss eine Apothekerin dann alle ganz allein versorgen“, sagt Marcel Wiencke.
Eigentlich ist der Notdienst für Notfälle gedacht. Doch tatsächlich klingeln Patienten die Apotheker für alle möglichen Dinge raus. Weil sie Kopfschmerzen haben, weil sie eine Inkontinenzberatung möchten oder einfach ein Rezept einlösen, das sie schon seit Tagen mit sich herumtragen.
Die Adler-Apotheke ist in der glücklichen Lage, dass dort vier Mitarbeiterinnen arbeiten, die die Notdienste unter sich aufteilen können. „Aber es gibt im Land Brandenburg auch 120 Apotheken, die nur einen Apotheker oder eine Apothekerin haben, um den Notdienst abzudecken“, sagt Ramona Reimann von der Landesapothekerkammer.
Die konnten bisher nicht einmal zwei Wochen Urlaub am Stück machen, weil sie nach 13 Tagen schon wieder da sein mussten. Das ändert sich ab März.
Der neue 20-Tage-Rhythmus soll die Apotheken entlasten und helfen, den Beruf wieder attraktiver zu machen. Zunehmende Arbeitsbelastung und stagnierende Honorarsätze bei immer weiter steigenden Kosten sorgen dafür, dass der Apothekerberuf immer weniger gefragt ist. Seit 2022 haben im Land 47 Apotheken dichtgemacht, oft wegen mangelnder Perspektive. Im Landkreis Ostprignitz-Ruppin gibt es heute noch 22 Apotheken, im Kreis Prignitz sind es ebenso viele. Im Durchschnitt versorgt eine Apotheke in Brandenburg laut Kammer 4900 Patienten.
Apothekerin Kristin Wiencke ist froh über die neue Notdienst-Regelung, sieht aber auch die Probleme. „Das ist für uns in jedem Fall eine Entlastung“, sagt sie: „Leider ist es für die Patienten richtig ärgerlich.“ Denn viele müssen im Notfall künftig weite Wege zurücklegen, um nach Feierabend oder am Wochenende ein dringend benötigtes Medikament zu bekommen. Zum Notdienstbereich für Neuruppin etwa gehören künftig unter anderem auch Pritzwalk, Wandlitz und das 67 Kilometer entfernte Finowfurt im Barnim oder Lychen in der Uckermark.
Welche Apotheke jeweils Notdienst hat, können Kunden unter www.lakbb.de oder alternativ im Portal www.aponet.de erfahren. Oder sie schauen bei der nächsten Apotheke im Schaufenster nach.
Der neue Notdienst-Rhythmus ist zunächst als Modellprojekt bis Ende des Jahres angelegt. Jens Dobbert als Präsident der Landesapothekerkammer in Potsdam sieht aber kaum Alternativen, um ein weiteres Apothekensterben zu verhindern. „Unser Anspruch ist es, Versorgungssicherheit und Belastbarkeit der Apotheken gleichermaßen im Blick zu behalten“, sagt er: „Diese Neuorganisation ist keine Einschränkung, sondern eine notwendige Strukturreform.“ Reyk Grunow