Der rote Kaiser und
das neue China

Cover: Finanzbuch Verlag München
In der internationalen Politik und in den globalen Wirtschaftsbeziehungen geht heute kaum noch etwas ohne China. Ob Klimaverhandlungen, Lieferketten, Technologiewettbewerb oder sicherheitspolitische Fragen – die Volksrepublik ist ein zentraler Akteur. Und doch ist unser Wissen über China und vor allem über seine führenden Persönlichkeiten oft erstaunlich oberflächlich. Genau hier setzt Michael Sheridans Buch Der rote Kaiser – Xi Jinping und sein neues China an. Es ist mehr als eine Biografie: Es ist eine politische Anatomie der Macht im heutigen China.

Der Journalist Michael Sheridan war 20 Jahre lang Fernost-Korrespondent der Sunday Times und wählt die Person Xi Jinping als Schlüssel zum Verständnis eines ganzen Systems. Xi wurde 1953 als Sohn des Revolutionärs Xi Zhongxun geboren, eines hohen Parteikaders. Während der Kulturrevolution jedoch fiel der Vater in Ungnade; der junge Xi wurde aufs Land geschickt und verbrachte mehrere Jahre in einem Dorf in der Provinz Shaanxi. Diese Erfahrung von politischem Sturz, ideologischer Umerziehung und harter ländlicher Arbeit prägte sein Selbstbild nachhaltig. 1974 trat er der Kommunistischen Partei bei, später studierte er an der Tsinghua-Universität Chemieingenieurwesen und durchlief eine klassische Kaderlaufbahn in verschiedenen Provinzen, bevor er 2012 zum Generalsekretär der Partei aufstieg.

Das Buch zeigt, wie diese biografischen Stationen mit Xis Politik verknüpft sind. Sheridan beschreibt ein Land, das gleichzeitig hochmodern und ideologisch rückwärtsgewandt erscheint: Raumfahrtprogramme, digitale Überwachung, Hochgeschwindigkeitszüge auf der einen Seite – die Wiederbelebung quasi-kaiserlicher Machtfülle und Personenkult auf der anderen. Offiziell stehen die Interessen der Partei an erster Stelle. Zugleich legt Sheridan offen, wie eng Parteiherrschaft, Familiennetzwerke und persönliche Loyalitäten miteinander verflochten sind. Sheridan schildert, wie Xi nach 2012 systematisch Rivalen entmachtete und Loyalität zur obersten politischen Tugend erklärte. So entsteht das Bild eines Herrschaftssystems, das Stabilität verspricht, aber auf permanente Kontrolle angewiesen ist. Besonders aufschlussreich sind die Passagen zur Wirtschaftsstrategie. Mit dem Konzept der „dualen Kreislaufwirtschaft“ beschreibt Sheridan, eine Neuorientierung: stärkere Binnenorientierung bei gleichzeitiger selektiver Öffnung nach außen. Für internationale Partner bedeutet das mehr strategische Abhängigkeiten und weniger Berechenbarkeit.

Das Buch überzeugt durch seinen fließenden Stil, ohne Komplexität zu scheuen. Es lädt dazu ein, genau zu lesen, Widersprüchen nachzugehen und vorschnelle Urteile zu vermeiden. rv

Sheridan, M.: Der rote Kaiser. Finanzbuch Verlag München, 2026.

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