Es geht nicht um Ideologie, sondern um Macht

Cover: Verlag

Mit „Nach der Eroberung“ legt Ákos Tóth, einer der renommiertesten Journalisten Ungarns und langjähriger stellvertretender Chefredakteur der Zeitung Népszabadság, ein ebenso persönliches wie analytisches Werk über die politischen Entwicklungen seines Landes vor. Im Zentrum steht die Frage, wie es Ministerpräsident Viktor Orbán gelungen ist, seit seinem zweiten Amtsantritt 2010 Schritt für Schritt die Macht insbesondere durch die Kontrolle über die Medien zu konsolidieren.

Tóth beschreibt, dass es in Ungarn keine klassische Zensur oder offene Verfolgung von Journalisten gibt. Stattdessen wird Einfluss subtiler ausgeübt – vor allem über ökonomische Hebel. Staatliche Werbeanzeigen dominieren den Markt und machen einen Großteil der Einnahmen vieler Medien aus. Dadurch entsteht ein indirekter, aber wirksamer Druck auf die Berichterstattung.

Tóth war selbst Teil der Medienlandschaft und kennt die handelnden Akteure persönlich. Er schildert politische Strategien, Skandale und Machtverschiebungen aus nächster Nähe. Dabei beleuchtet er auch die Rolle der Bevölkerung – ihre Enttäuschungen, Hoffnungen und Erwartungen. Gleichzeitig zeigt Tóth, wie leicht sich öffentliche Stimmungen beeinflussen lassen – etwa durch gezielte Kampagnen, die sich gegen „Brüssel“ oder die Ukraine wenden, aber personalisiert ausgerichtet werden.

Das Buch zeichnet die Entwicklung Ungarns seit den 1990er-Jahren nach, von politischem Chaos und Enttäuschung hin zu einer „Revolution in der Wahlkabine“, die Orbáns Aufstieg ermöglichte. Bereits in der Opposition begann seine Partei, ein eigenes Mediensystem aufzubauen.

Tóth beschreibt Ungarn als „illiberale Demokratie“ – ein System, in dem demokratische Strukturen formal bestehen, aber inhaltlich ausgehöhlt sind. Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich in der neuen Kraft um Peter Magyar, der mit seiner Partei Tisza seit 2024 zunehmend an Einfluss im ganzen Land gewonnen hat und die Wahlen am 12. April 2026 deutlich gewonnen hat. Aber wird er den Versuchungen widerstehen können?

„Nach der Eroberung“ ist ein insidergeprägter Bericht über die schleichende Transformation eines demokratischen Systems. Verständlich geschrieben, faktenreich und zugleich persönlich, vermittelt das Buch ein klares Bild davon, wie Medien ihre Unabhängigkeit verlieren können – und welche Folgen das für eine Gesellschaft hat. Nicht nur in Ungarn! rv

Tóth,Á.: Nach der Eroberung. Wahrheitsperlen Verlag, 2026.

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