Es gibt viele Wege, aus dem eigenen Leben zu erzählen. Manche Menschen beginnen mit der Geburt, andere schauen erst im hohen Alter zurück. Jens Wollenberger macht Inventur, indem er über die Dinge erzählt, die sein Leben begleitet haben – und nicht nur seines, sondern auch das seiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Da sind der Schreibtisch, der Bücherschrank und die Radioapparate, Feldpostkarten, ein Fahrtenmesser und eine Patronenhülse, sogar ein Rauchverzehrer.
Sie erzählen von Hoffnungen, Freuden und Leiden sowie von der Vergänglichkeit der Dinge. Manches hat Bestand, anderes verändert sich oder kehrt nach Jahrzehnten plötzlich ins Blickfeld zurück. Wollenberger selbst ist 1960 in der DDR geboren. Aus den Erinnerungen an seine Vorfahren tauchen Krieg und Bombardierung, Flüchtlingszüge, die Enteignung der Großgrundbesitzer und die Gründung der Genossenschaften auf dem Lande auf. Was er aus seinem persönlichen Leben erzählt, wird all denen bekannt vorkommen, die in der gleichen Gesellschaft gelebt haben, die Lektüre der Abenteuer des Werner Holt, die markierten Skalen auf den Radios in der NVA-Kaserne, auch der Film von dem Soldaten und dem Feuerzeug mit Rolf Ludwig in der Hauptrolle.
Die einzelnen Kapitel sind Miniaturen, denen jeweils ein konkreter Gegenstand zugrunde liegt. Die Spannung des Buches resultiert aus dem Leben, mit dem sie verbunden sind. Die Betrachtungen sind in meisterhafter Sprache verfasst, mal ironisch, mal melancholisch. Sie spiegeln Heiterkeit, Trauer und Nachdenklichkeit wider, die den Leser schnell zu eigenen Erinnerungen führen können, denn: „Jede Generation hat irgendwann ihre gute alte Zeit.“
Der Erzähler und seine Gedanken kommen dem Leser dabei sehr nahe. Erschienen sind „Inventur“ wie auch weitere Romane von Jens Wonneberger im österreichischen Verlag Müry Salzmann, dessen Bücher sich häufig durch ungewöhnliche Sichten auf alltägliche Dinge hervorheben. rvWonneberger, j.: Inventur. Müry Salzmann Verlag, 2026.