Einfach loslaufen, bummeln, schauen – das Flanieren hat in der Literatur der letzten 150 Jahre eine eigene Tradition hervorgebracht. Immer wieder haben Autoren diese Form zwischen Journalismus und Schriftstellerei geprägt. Da war Victor Auburtin, dessen Feuilletons sich durch sprachliche Eleganz, Ironie und Witz auszeichneten und aktuelle Beobachtungen mit persönlicher Betrachtung verbanden. Und ältere Leser werden sich an Heinz Knobloch erinnern, den Stammautor der „Wochenpost“, der das Feuilleton das „Lächeln der Zeitung“ nannte und immer wieder dazu aufforderte, bei Spaziergängen den Grünflächen zu misstrauen, weil sie so viel Gewesenes verbergen. Beide stehen für jene Kunst des genauen Hinsehens, die auch Franz Hessel beherrschte. Er wurde jetzt vom Verlag für Berlin und Brandenburg neu aufgelegt. Hessel bezeichnete sein Buch „Spazieren in Berlin“ 1929 als ein Bilderbuch in Worten. Für den 1880 in Stettin geborenen Autor ist das Flanieren eine Art „Lektüre der Straße“, und so führt er die Leser mit der Maßgabe, nichts Besonderes vorhaben zu dürfen, kreuz und quer durch Berlin. Zu seiner Zeit schon war Berlin eine pulsierende, hektische Großstadt, aber er nimmt das Tempo etwas heraus, wenn er zum Spaziergang einlädt.
Es ist historisch interessant, wenn von der Hasenheide, dem Zentralviehhof, dem Weißenseer Pferdemarkt, der Nikolaikirche oder dem Zeitungsviertel erzählt wird. Ein Buch also nur für Berlinkenner und Geschichtsinteressierte? Keineswegs. Abgesehen davon, dass sich nicht nur manche Orte, sondern auch viele Verhaltensweisen wie das Misstrauen gegenüber Müßiggängern über die Jahrzehnte bewahrt haben, ist es ein Lehrbuch, eine Anleitung zum Verweilen, Schauen und Nachfragen. Unabhängig von der Stadt, in der man gerade etwas Zeit dafür hat. Auffällige Verzierungen, eigenwillige Namensgebungen, Wandmalereien finden sich überall, ebenso Straßennamen oder Markthallen und Kneipen, die Geschichten erzählen. „Spazieren in Berlin“ ist die Wiederentdeckung eines Autors, der sich als Lyriker, Romancier und Erzähler einen Namen gemacht hatte, bis zum November 1938 im nationalsozialistischen Deutschland blieb und 1941 in Frankreich starb. Hessel gilt als einer der bedeutendsten deutschen Flaneure und machte das ziellose Umhergehen zu einer literarischen Methode der Stadterkundung. rvHessel, F.: Spazieren in Berlin. Verlag für Berlin und Brandenburg, 2026.