Ein Arbeiterkind
im Ruhrpott

 Cover: Westend Verlag
Ulrich Schneider ist vielen als Sozialexperte und streitbarer Soziallobbyist bekannt. 25 Jahre lang, von 1999 bis 2024, war er Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Immer wieder erhob er öffentlich seine Stimme, wenn es um Armut, soziale Ungleichheit, Bildungs- und Sozialpolitik ging. Sein neues Buch „Mutti, komma ans Fenster! – Eine Arbeiterkindheit im Ruhrgebiet“ ist aber kein klassisches sozialpolitisches Sachbuch. Statt abstrakt über soziale Ungleichheit, Klassen oder mangelnde Aufstiegschancen zu schreiben, berichtet Schneider aus seinem eigenen Leben. Er wurde 1958 in Oberhausen geboren und wuchs dort als Arbeiterkind auf. Sein Vater arbeitete unter anderem als Bierfahrer und für eine Wach- und Schließgesellschaft. Schneider besuchte später ein altsprachliches Gymnasium und machte 1977 Abitur. Nach dem Zivildienst studierte er, wurde Diplom-Pädagoge und promovierte schließlich. Das liest sich beinahe wie eine gewöhnliche Bildungsbiografie: Schule, Abitur, Studium, Promotion, beruflicher Aufstieg. Doch genau hier setzt das Buch an. Denn dieser Lebenslauf bekommt ein völlig anderes Gesicht, wenn man die sozialen Voraussetzungen eines Kindes aus der Arbeiterklasse betrachtet.

Doch gibt es so etwas wie eine Arbeiterklasse überhaupt? Schneiders Antwort darauf erfolgt durch Erzählen. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Trotzdem gibt es gemeinsame Erfahrungen, Gewohnheiten, Wertvorstellungen und soziale Bedingungen, die ein Milieu ausmachen. Dabei geht es um Werte wie Disziplin und Leistungsbereitschaft, Stolz auf die eigene Arbeit, Solidarität und gegenseitige Hilfe, aber auch Härte, soziale Abgrenzung und prekäre Lebensverhältnisse. Schneider romantisiert die Welt seiner Kindheit nicht. Gerade beim Alkoholkonsum oder bei gesundheitlich ruinösen Arbeitsbedingungen zeigt sich die Kehrseite des Milieus.

Der Besuch eines Gymnasiums war für ein Arbeiterkind in der Bundesrepublik keineswegs selbstverständlich. Die Trennung der sozialen Gruppen waren so tief verinnerlicht, dass sie vielen als ganz natürlich erschienen. So ist es konsequent, dass das Buch in seinen letzten Kapiteln politischer und aktueller wird und sich stärker von der reinen Kindheits- und Jugendbiografie entfernt. Schneider erörtert dort, was aus den Versprechen von Aufstieg, Bildungsgerechtigkeit, Wohlstand und gesellschaftlicher Teilhabe heute geworden ist. rv

Schneider, U.: Mutti, komma ans Fenster. Westend Verlag Frankfurt am Main, 2026.

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