Doch gibt es so etwas wie eine Arbeiterklasse überhaupt? Schneiders Antwort darauf erfolgt durch Erzählen. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Trotzdem gibt es gemeinsame Erfahrungen, Gewohnheiten, Wertvorstellungen und soziale Bedingungen, die ein Milieu ausmachen. Dabei geht es um Werte wie Disziplin und Leistungsbereitschaft, Stolz auf die eigene Arbeit, Solidarität und gegenseitige Hilfe, aber auch Härte, soziale Abgrenzung und prekäre Lebensverhältnisse. Schneider romantisiert die Welt seiner Kindheit nicht. Gerade beim Alkoholkonsum oder bei gesundheitlich ruinösen Arbeitsbedingungen zeigt sich die Kehrseite des Milieus.
Der Besuch eines Gymnasiums war für ein Arbeiterkind in der Bundesrepublik keineswegs selbstverständlich. Die Trennung der sozialen Gruppen waren so tief verinnerlicht, dass sie vielen als ganz natürlich erschienen. So ist es konsequent, dass das Buch in seinen letzten Kapiteln politischer und aktueller wird und sich stärker von der reinen Kindheits- und Jugendbiografie entfernt. Schneider erörtert dort, was aus den Versprechen von Aufstieg, Bildungsgerechtigkeit, Wohlstand und gesellschaftlicher Teilhabe heute geworden ist. rvSchneider, U.: Mutti, komma ans Fenster. Westend Verlag Frankfurt am Main, 2026.