Dreimal umziehen ist wie einmal abgebrannt, sagt der Volksmund. Und bei vielen Menschen sind Umzüge ein notwendiges, möglichst zu vermeidendes Übel. Umso mehr überrascht der Buchtitel „Vom Glück des Umziehens“ von Colette, den der Unionsverlag jetzt in neuer Übersetzung herausgegeben hat. Die Autorin empfindet es als gefährlich, zu lange in einer Wohnung zu verweilen. Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Unterkünfte zu wechseln. Und nun nimmt Colette die Leser mit auf ihre Reise durch Paris, in helle und dunkle, freundliche und bedrückende Wohnungen. Diese Umzüge erzählen wenig von ihr selbst, ihren Lieb- und Leidenschaften, eher von Licht und Schatten, vom alltäglichen Leben. Und doch stehen sie in Beziehung zu der abenteuerlichen Biografie der Schriftstellerin, Journalistin und Bühnenkünstlerin Sidonie Gabrielle Claudine Colette, die 1873 im Burgund geboren wurde und 1954 in Frankreich ein Staatsbegräbnis erhielt. Das Nachwort der Übersetzerin Ina Kronenberger geht auf ihr bewegtes Leben ein.
Früh zeigte sich das literarische Talent der Französin, doch ihre ersten Romane um das Reifen der jungen Frau Claudine veröffentlichte ihr wenig erfolgreich schriftstellernder erster Ehemann unter seinem Pseudonym Willy. Erst nach der Scheidung konnte sich Colette voll entfalten, sich von sexuellen Zwängen befreien, und das tat sie auch auf den Bühnen der Pariser Varietés, wo sie 1907 durch einen allzu freizügigen Kuss mit ihrer Bühnenpartnerin einen Skandal hervorrief. Ihre Schreibkunst machte sie zu einer literarischen und gesellschaftlichen Größe, als leitende Journalistin verantwortete sie den Literaturteil der Zeitung „Le Matin“.
Erst Anfang der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts schrieb sie „Vom Glück des Umziehens“, eine behutsame, mal vergnügliche, mal nachdenkliche Betrachtung, die im Original sachlich „Drei…Sechs…Neun…“ heißt und doch so viele Geschichten erzählt. Der Titel greift die in Frankreich lange Zeit übliche Praxis auf, Mietverträge für eben diese Fristen abzuschließen. Colette fand ihre letzte Wohnung auf dem Friedhof Père Lachaise in ihrem geliebten Paris. rvColette: Vom Glück des Umziehens. Unionsverlag Zürich, 2025.