Ambulant statt stationär
Forschungsprojekt in Brandenburg zur medizinischen Versorgung im ländlichen Raum

Foto: Adobe Stock/Aleksandr Rybalko
Brandenburg. „Ambulantisierung“, also die Verlagerung medizinischer Diagnosen und Therapien aus stationärer Behandlung mit entsprechender Dauer in Arztpraxen, ins eigene Zuhause aber auch in darauf vorbereitete Krankenhäuser, dürfte zur tragenden Säule der medizinischen Versorgung im ländlichen strukturierten Brandenburg werden. „Die ambulante Versorgung ist das Rückgrat der Medizin im ländlichen Raum“, sagt Catrin Steiniger, Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg. Jede vierte stationäre Krankenhausversorgung könnte bereits heute sicher in Praxen abgewickelt werden. Voraussetzung sei „eine verlässliche Finanzierung der ambulanten Versorgung und die Nachsorge nach ambulanten Eingriffen“, so Catrin Steiniger.

Eine mit entsprechender Infrastruktur in Arztpraxen und Krankenhäusern mögliche Ambulantisierung ist auch das Lösungsmodell eines bislang auf die Regionen Prignitz und Ostprignitz-Ruppin fokussierten Forschungsprojekts der Krankenkasse AOK Nordost und anderer Partner zur medizinischen Versorgung im ländlichen Raum. Beteiligt an dem „Prospektive Regionale Sektorenübergreifende Versorgungsplanung“, kurz „ProReVers“ getauften Forschungsvorhaben sind auch die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg, die KMG Kliniken in Bad Wilsnack, die Medizinische Hochschule Brandenburg und die Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen (ARGENON). „Wo es sinnvoll ist, Untersuchungen und Therapien ambulant statt stationär durchzuführen, das heißt, ohne Übernachtung im Krankenhaus“, erklärt Stephanie Sehlen, Versorgungsforscherin bei der AOK Nordost den Begriff der Ambulantisierung. Vielerorts würden heute Untersuchungen und Therapien nur aus dem Grund im Krankenhaus stattfinden, „weil die notwendigen ambulanten Strukturen fehlen und nicht etwa, weil sich die Krankheit stationär besser behandeln lässt“. Voraussetzungen dafür könnten durch die Umwandlung eines Landkrankenhauses in ein Ambulant-Stationäres-Zentrum oder in einen Gesundheitscampus oder auch etwa durch die Bereitstellung telemedizinischer Lösungen unter Einbeziehung von Haus- und Fachärzten geschaffen werden, so Stephanie Sehlen.

Der Nordwesten Brandenburgs als Forschungsraum des Projekts ist eine der zahlreichen ländlichen Regionen Brandenburgs mit viel Fläche, aber relativ wenig Menschen. Viele von ihnen sind älter sowie chronisch oder auch mehrfach erkrankt. Die medizinische Versorgung der dort lebenden Bevölkerung gestaltet sich zunehmend schwieriger.

Um die Bedarfe aus Sicht der Menschen vor Ort zu ermitteln, wurden im Rahmen von ProReVers neben der Sichtung der Daten von Krankenhäusern und Arztpraxen zunächst einmal Befragungen, Workshops sowie Experteninterviews durchgeführt. In regionalen Planungskonferenzen wurden gemeinsam mit den Akteuren vor Ort – Vertretern der ambulanten und stationären Versorgung sowie der Landkreise – konkrete Empfehlungen erarbeitet. Die Interviews zeigen bekannte Schmerzpunkte in der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Zwar wird das Angebot oft insgesamt als gut bewertet, doch nimmt die Zufriedenheit erkennbar ab, je ländlicher die Wohnsituation ist. Besonders kritisch sehen die Befragten die fachärztliche Versorgung mit zu wenig Praxen, langen Wartezeiten, eingeschränkter Erreichbarkeit und Zeitmangel des Personals. Weite Anfahrtswege und ein unzureichender öffentlicher Nahverkehr verschärfen demnach die Situation zusätzlich. Zudem ist die Gesundheitskompetenz unter den Menschen im ländlichen Raum deutlich weniger ausgeprägt als im bundesweiten Vergleich.

Auch die Befragung von Repräsentanten der medizinischen Versorgenden vor Ort lieferte interessante Ergebnisse. So wurden etwa eine hohe Belastung durch bürokratische Prozesse sowie der Mangel an Fachpersonal thematisiert. Um digitale als auch aus ihrer Sicht adäquate Lösungen zu schaffen, müsse die Infrastruktur verbessert aber auch die Kompetenzen der Versorgenden im Umgang mit neuen Technologien gefördert werden. Einerseits biete die Ambulantisierung Potenzial, andererseits stelle sie die behandelnden Ärzte aber auch vor praktische Herausforderungen bei der Umsetzung, so ihr Fazit. Zudem würden Grenzen deutlich, wenn es um die Finanzierung und Zulassungen geht. Hürden würden auch fehlende häusliche Betreuungsmöglichkeiten und größere Entfernungen im ländlichen Raum aufbauen, die ohne ein entsprechendes Angebot an öffentlichem Nahverkehr überwunden werden müssen.

Die im Projekt entwickelten Analysemethoden, Instrumente und Verfahren können auch von anderen ländlichen Regionen für eine ganzheitliche Versorgungsplanung genutzt werden. Entsprechende Vorhaben werden bereits vorbereitet. gd
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