Im Reich dererzählten Möglichkeiten

Cover: Verlag

Der Prager Michal Ajvaz (*1949) ist ein Meister des Erzählens. Geduld und Konzentration braucht es, seine ineinander verschachtelten, oft surrealen Geschichten zu lesen, bei denen Wirklichkeit und Fantasie ineinander übergehen.

Ausgangspunkt des Romans ist die Leipziger Buchmesse. Der Ich-Erzähler ist begeistert von der Stadt mit ihren Passagen, „in denen am Ende eines Ganges plötzlich hohe Innentürme mit gläsernen Decken“ emporwachsen. Dort beobachtet er, wie zwei Herren scheinbar identische weiße Kästchen mit Figuren von Gladiatoren mit Taucherhelmen miteinander austauschen. Was geschieht hier?

Der Erzähler begegnet den beiden wenig später erneut in einem Café. Seine Neugier trifft auf deren Wunsch, ihre Geschichten einem Zuhörer anzuvertrauen. Er lässt sich darauf ein. Wer ihm als Leser folgt, erlebt, wie aus einer Geschichte immer wieder eine neue entsteht, wie sich aus optischen Eindrücken Leben formt, wie in einem verwirrenden Pilzmyzel, so beschreibt es der Autor. Einen Höhepunkt findet die Verschachtelung, wenn von mehreren Personen denkbare Enden eines Romans ersonnen werden.

Nicht zufällig ist die Anspielung auf E. T. A. Hoffmann, der in Leipzig als Musikdirektor wirkte und in dessen Erzählungen ebenfalls verschiedene Wirklichkeitsebenen ineinander übergehen. Ajvaz weist darauf hin, dass das Wort „Roboter“ aus dem Tschechischen stammt und erstmals von Karel Capek verwendet wurde. Er macht daraus eine mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Gestalt, die dichten und emotionale Reaktionen zeigen kann.

Verdienstvoll übersetzt und herausgegeben von Veronika Síska vom Allee Verlag, stellt das Buch einen Beitrag zur Präsentation tschechischer Literatur dar, die auf der Frankfurter Buchmesse ihren Höhepunkt finden wird. rv

Ajvaz, M.: Passagen unter Glas. Allee Verlag, 2026.

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