Walther erzählt darin die Geschichte der deutschen Frauenbewegung von ihren Anfängen in der Revolution von 1848 bis zum Frauenwahlrecht 1918/19. Ihre kompakte, informative Arbeit zeigt: Das Wahlrecht war kein großzügiges Geschenk der Politik, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger, zäher und oft mühsamer Kämpfe. Und es war keineswegs die einzige Forderung. Frauen stritten ebenso für Bildung, den Zugang zu Berufen und Universitäten, bessere Arbeitsbedingungen, rechtliche Gleichstellung und soziale Absicherung.
Bianca Walther interessiert sich weniger für einzelne Ikonen, sondern zeichnet die Geschichte einer Bewegung. „Für die Frauenbewegung lässt sich sagen: Das Team war der Star“, formulierte sie jüngst in einem Radio-Interview mit dem SWR. Neben bekannten Namen wie Louise Otto-Peters, Hedwig Dohm oder Clara Zetkin rückt sie zahlreiche Frauen ins Licht, die heute fast vergessen sind – obwohl sie Vereine gründeten, Netzwerke knüpften, Strategien entwickelten und damit die Grundlagen für spätere Erfolge legten.Ihr Erzählstil ist lebendig. Walther verbindet historische Zusammenhänge mit persönlichen Geschichten und Episoden. Es begegnen einem bei der Lektüre Menschen mit Hoffnungen, Rückschlägen, Mut. Walther betreibt den für den Grimme-Preis nominierten Geschichts-Podcast „Frauen von damals“ und den gleichnamigen Instagram-Account mit über 59 000 Followern. Zeitgemäße Geschichtsvermittlung kann sie. „Die Vorkämpferinnen“ bietet auch Leserinnen und Lesern einen guten Einstieg, die sich dem Thema erstmals nähern – vielleicht auch gerade den Jüngeren unter ihnen.
Denn: Das Buch zeigt auch, wie vielfältig die Frauenbewegung tatsächlich war. Bürgerliche und proletarische Frauenrechtlerinnen, Gemäßigte und Radikale, Sozialistinnen, Christinnen und Liberale verfolgten oft unterschiedliche Ziele und stritten mitunter erbittert über den richtigen Weg. Dennoch gelang es ihnen immer wieder, gemeinsame Anliegen zu formulieren und Schritt für Schritt Veränderungen durchzusetzen. Fortschritt entstand nicht geradlinig, sondern durch Beharrlichkeit, Kompromisse und kluge Bündnisse.
Bemerkenswert dabei: Wie viele Debattenachsen und Argumente gegen Gleichberechtigung von „damals“ auch heute noch vertraut wirken. Gerade deshalb liest sich „Die Vorkämpferinnen“ nicht nur als historische Darstellung, sondern auch als Einladung, aktuelle gesellschaftliche Diskussionen besser zu verstehen. Bianca Walther ist ein fundiertes und packendes Sachbuch gelungen. Es erinnert daran, dass gesellschaftlicher Fortschritt selten das Werk Einzelner ist, sondern aus dem beharrlichen Engagement vieler entsteht – und dass sich Ausdauer auszahlt. Stephanie DreesBianca Walther: „Die Vorkämpferinnen. Wie aus vielen Frauen eine Bewegung wurde“, S. Fischer Verlag, 368 Seiten.