Cover: VerlagKann man ein Buch lesen, das fast 100 Jahre alt ist? 1936 veröffentlichte R. C. Sherriff seinen Roman „Vor uns die Zeit“ im Verlag Victor Gollancz in London. Wenn man die ersten Zeilen der beschaulichen Schilderung einer Mittagspause in der Londoner City hinter sich gebracht hat, wird man in eine Situation versetzt, die viele ältere Menschen selbst gut kennen werden. Mr. Baldwin, treuer Angestellter einer Versicherungsgesellschaft, hat seinen letzten Arbeitstag. Er räumt seinen Schreibtisch leer, bekommt eine dekorative Uhr, wie jeder, der in der Firma in den Ruhestand geht, ein paar Worte des Dankes, einen Händedruck der Kollegen und die Aufforderung, sich doch einmal sehen zu lassen. Dann macht sich Mr. Baldwin mit dem Vorortzug auf den Weg nach Hause und beginnt darüber nachzudenken, was er mit seiner vielen freien Zeit anfangen wird. Schließlich ist er erst 58 Jahre alt. Zu Hause warten seine Ehefrau und das Hausmädchen. Warten sie wirklich, oder bringt er ihren Tagesablauf einfach dadurch durcheinander, dass er nun da ist? Mr. Baldwins Plan ist einfach: alles etwas langsamer angehen, vormittags Gartenarbeit, nachmittags Geschichtsstudien – dafür fühlt er sich berufen. Doch die Pläne gehen nicht auf: Aus dem Garten ist nichts herauszuholen, für Geschichtsstudien reichen die Fähigkeiten doch nicht aus, und für literarische Versuche interessiert sich niemand außer seiner Ehefrau Edith. Der Pensionär geht sich selbst auf die Nerven – und den Menschen um sich herum. Viele sind es nicht, denn Mr. Baldwin hat weder Hobbys noch einen großen Freundeskreis. Sherriff, später bekannt durch seine Arbeiten für Hollywood, beschreibt das alles in einer behäbigen, der Zeit und der Lebenssituation angemessenen Weise. Jeden Schritt kann man miterleben und nachvollziehen. Wie löst er die Situation auf? Er bietet eine Lösung an, die mit einem Spaziergang an einem 28. Oktober beginnt. Sie soll hier nicht verraten werden, nur so viel sei gesagt: Mr. Baldwin und seine Edith versinken nicht in Depressionen, sondern werden auf neue Weise herausgefordert.
Hier ergibt sich ein interessanter Anreiz für den Leser. Er kann sich damit auseinandersetzen, wie er diesen Roman heute selbst weiterführen würde, welche Lösung sich für ihn böte. Für die Zeit, die vor ihm liegt.
Eine Entdeckung aus dem Unionsverlag, auf die man sich gern einlassen kann. rv
Sherriff, R., C.: Vor uns die Zeit. Zürich. Unionsverlag 2026.